Interview mit Menahem Ben Sasson

Menahem Ben Sasson
»Forschung kennt keine Grenzen«
Der Kanzler der Hebräischen Universität Jerusalem über die Beziehungen zu Berliner Hochschulen, die BDS‐Bewegung und Kippa‐Tragen in Dahlem
 
von Ayala Goldmann 
 
Herr Ben‐Sasson, Sie waren im Winter‐ und Sommersemester einige Wochen an der Freien Universität Berlin zu Gast. Was machen Sie hier?
Am »Einstein Center Chronoi« in Dahlem beschäftige ich mich in einer interdisziplinären Forschungsgruppe mit Zeit.
 
Was heißt das genau?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn jemand eine Chronik über die Eroberungen des Islam im 7. Jahrhundert schreibt, weckt das bei manchen Gefühle des Messianismus oder der Hoffnung auf die Endzeit. Ein Mensch, der sich dazu äußert, will sich nicht nur mit den Ereignissen der Zeit befassen, die er sieht, sondern er will sagen, dass sie in seinen Augen das Ende aller Tage bedeuten. Es geht also um zwei Systeme von Zeit. Ein anderes Beispiel: Der jüdische Gelehrte Maimonides schreibt, dass alles, was über Opfer geschrieben steht, mit früheren Zeiten zu tun hat, wir uns aber in einem anderen Zeitalter befinden. Er benutzt also den Begriff der Zeit, um ein Verhältnis auszudrücken zu Dingen, die einmal absolute Wahrheit waren, und ihnen den Status einer relativen Wahrheit einzuräumen.
 
Wer sind die deutschen Forscher?
Christoph Markschies und Eva Cancik‐Kirschbaum leiten die Gruppe, und es gibt noch etwa zehn bis 15 weitere Mitglieder überall auf der Welt. Das Forschungsvorhaben ist auf sieben Jahre angelegt.
 
Sie sind also nicht zum letzten Mal hier.
Das hoffe ich sehr. Aber ich muss Zeit freischaufeln, denn ich unterrichte jedes Semester in Jerusalem, und als Kanzler bin ich verantwortlich für die Beziehungen der Universität zu anderen Institutionen und Spendern.
 
 
»Deutschland ist unser Nachbar – auch, was die Forschungsmethoden angeht.«
 
 
Seit 1957 sind die Beziehungen zwischen der HU Jerusalem und der Freien Universität Berlin immer enger geworden. Seit 2011 gibt es eine »strategische Partnerschaft«. 2015 wurde ein Abkommen über ein gemeinsames Doktorandenprogramm unterzeichnet. Wie viele Absolventen gibt es?
Sicherlich nicht Hunderte. Aber für die Hebräische Universität ist diese Zusammenarbeit auch eine strategische Frage, denn im Nahen Osten ist es für uns Israelis nicht immer einfach, akademische Verbindungen herzustellen. Geografisch gesehen ist Deutschland also unser Nachbar, aber auch, was die Forschungsmethoden angeht. Als wir das Archiv der Hebräischen Universität seit den 30er‐Jahren neu geordnet haben, haben wir festgestellt, dass ein beträchtlicher Teil der Disziplinen hier in Deutschland geschaffen wurde und dass die Menschen, die vertrieben wurden und nach Jerusalem kamen, nicht nur die Kurse übernommen hatten, sondern auch die Art und Weise, wie sie Abteilungen aufbauten. Unsere Beziehung zu Deutschland ist eng. Und je mehr Zeit vergeht, desto klarer wird, dass sie tief in der Vergangenheit verwurzelt ist, aber der Zukunft zugewandt.
 
Hilft das der Hebräischen Universität auch in finanzieller Hinsicht? Früher haben die Dozenten regelmäßig gestreikt …
Wir hatten schon zehn Jahre keinen Streik mehr. Die Universität ist in einem wirtschaftlich besser geordneten Zustand als früher, denn wir haben vor drei Jahren mit der Regierung ein Abkommen geschlossen, und uns wird mit Zuschüssen geholfen.
 
Sie unterrichten im Fachbereich »Geschichte des jüdischen Volkes«. An Ihrer Universität gibt es auch den Fachbereich »Geschichte« im allgemeinen. Welchen Sinn macht diese Trennung noch?
Wir haben mittlerweile eine gemeinsame Schule für Geschichte gegründet. Dort gibt es einen Kurs »Geschichte der Welt«, wo übrigens auch die Ideen zu den Büchern von Yuval Noah Harari entstanden sind. Die Studenten jüdischer Geschichte sind heute verpflichtet, Vorträge über allgemeine Geschichte zu hören, und umgekehrt. Es ist auch möglich, dass wir die beiden Fachbereiche irgendwann zusammenschließen.
 
 
»Die Kippa ist zum Symbol geworden. Aber jüdische Identität sollte nicht durch eine
›Fahne‹ zum Ausdruck kommen.«
 
 
Sie haben sicherlich die Diskussion um die Kippa in Deutschland verfolgt. Was sagen Sie als religiöser Jude dazu?
Vor einigen Jahren, als ich in Deutschland war, war es sehr viel angenehmer, überall und zu jeder Zeit auf der Straße mit Kippa zu gehen. Jetzt höre ich die Warnungen, dass man an manchen Orten lieber einen Hut trägt. In Dahlem habe ich überhaupt kein Problem mit meiner Kippa. In Wilmersdorf und manchen Gegenden in Mitte auch nicht. An anderen Orten, wo ich mich weniger wohlfühle, habe ich Alternativen. Man trägt hier im Winter sowieso eher eine Wollmütze und im Sommer einen Sonnenhut. Einmal bin ich mit dem Zug in eine deutsche Stadt gefahren, und genau an dem Tag gab es eine Demonstration. Ich bin ausgestiegen und habe gesehen, dass alle Kippa tragen. Zuerst habe ich gar nicht verstanden, was das soll. Danach habe ich mich über die Solidarität gefreut. Aber das ist meiner Meinung nach nicht das Zentrale. Die meisten Juden in Deutschland tragen öffentlich keine Kippa. Übrigens haben orthodoxe deutsche Juden, die nach Israel eingewandert sind, früher dort in der Öffentlichkeit auch nicht Kippa getragen, aus Respekt vor der Mehrheit. Heute ist die Kippa zum Symbol geworden. Aber ich hoffe, dass die jüdische Identität nicht dadurch zum Ausdruck kommt, dass man offen mit der Kippa, also mit einer »Fahne«, durch die Gegend läuft, sondern vielmehr durch die Geduld, anderen Menschen zuzuhören.
 
Die Israel‐Boykottbewegung BDS ist an vielen Hochschulen weltweit aktiv. Was bekommen Sie davon mit?
Persönlich hatte ich nie Probleme, aber in der Universität hatte ich auf verschiedenen Ebenen damit zu tun. In den Geisteswissenschaften ist es manchmal üblich, bei einem Berufungsverfahren weltweit Meinungen von fünf Akademikern einzuholen. Und es kann schwierig sein, am ersten Tag fünf zu finden, denn es gibt Leute, die keine Antwort nach Israel senden wollen.
 
In welchen Ländern haben Sie dieses Phänomen beobachtet?
Vor allem in Mitteleuropa und den USA. In Asien ist uns das nie passiert, auch in Italien normalerweise nicht. Als ich der Vorsitzende des Rats der Universitäten in Israel war, haben wir übrigens die Initiative ergriffen, um Menschen nach Israel einzuladen, damit sie Gelegenheit bekommen, ihre Weltanschauungen zu überprüfen. Über die Erklärung des Bundestags zu BDS habe ich mich sehr gefreut. Wer glaubt, dass der Staat Israel ein Recht hat, zu existieren, zu leben, produktiv zu sein und der Welt etwas zu geben, der muss sich BDS entgegenstellen. Es geht hier nicht um einen »kleinen« Boykott, sondern um existenzielle Fragen.
 
 
»Über die Erklärung des Bundestags zu BDS habe ich mich sehr gefreut.«
 
 
Also ist BDS kein wirkliches Problem für die Hebräische Universität Jerusalem …
Nein. In England, wo die BDS‐Bewegung begann, waren eher kleine bis mittlere Hochschulen involviert. Mit den ehrwürdigen und führenden Hochschulen in der Welt, wie Oxbridge, University College oder King’s College London, stehen wir in täglichem Austausch. Dort sind auch die Leute, die gegen BDS schreiben. Nicht, weil sie der einen oder der anderen Religion angehören. Sondern weil sie verstehen, dass es für Forschung keine Grenzen gibt.
 
Sie sind nicht nur Wissenschaftler, sondern waren auch von 2006 bis 2009 Knessetabgeordneter der Partei »Kadima«. Wie sehen Sie die aktuelle Lage in Israel?
Der Wahlkampf im Frühjahr war verbal sehr gewalttätig. Bestimmte Leute haben die Auseinandersetzungen so stark wie möglich zugespitzt, in dem Versuch, Identitäten zu schaffen und Menschen dazu zu verpflichten, für sie zu stimmen. Diese Art von Polarisierung hat die Gespräche auf ein so niedriges Niveau gesenkt, dass es nicht mehr um Inhalte ging. Ich bedauere sehr, dass es bei der Regierungsbildung genauso weiterging, und noch mehr bedauere ich, dass im September erneut gewählt wird. Wenn das wieder ein solcher Wahlkampf wird, dann fürchte ich, dass wir zu einer derartigen Polarisierung und einem solchen Hass kommen werden, dass die Wunden nicht mehr zu heilen sind.
 
Sollten Ihrer Meinung nach auch ultraorthodoxe Juden Wehrdienst leisten?
Meiner Meinung nach müssen alle Israelis rekrutiert werden. Jeder soll zumindest die Möglichkeit bekommen, einen Beitrag zu leisten, das kann auch Zivildienst sein. Es geht um Gleichbehandlung vor dem Gesetz, aber auch um das Gebot »Lo Taamod Al Dam Reecha« (»Profitiere nicht vom Blut deines Mitmenschen«). Das ist eine der deutlichsten Anweisungen der Tora. In religiöser Hinsicht ist es nicht weniger richtig, den Schabbat einzuhalten, als darauf zu bestehen, dass jeder einen Beitrag leistet.
 
Nach Ihrer Zeit in der Knesset sind Sie an die Hochschule zurückgekehrt. Hatten Sie genug von der Politik?
Nein, ich war von Anfang an nur für eine Legislaturperiode angetreten. Sie dauerte dreieinhalb Jahre, nicht vier, weil Ehud Olmert als Regierungschef vorzeitig zurückgetreten ist. Ich habe das sehr bedauert, weil ich – mit Unterstützung aus Deutschland – eine Verfassung für Israel geschrieben hatte, die dem deutschen Grundgesetz sehr ähnelt. Ich saß damals viel im Bundestag und in Karlsruhe und habe mich auch mit dem früheren Bundespräsidenten Roman Herzog getroffen. Wenn wir ein halbes Jahr mehr Zeit gehabt hätten, hätten wir darüber in der Knesset abstimmen können. Ich war auch Vorsitzender des Gesetzgebungskomitees, und wir haben viele Gesetze verabschiedet, Reformen durchgeführt und vieles in Israel geändert. Für mich war das eine faszinierende Erfahrung. Ich kam schon als Zionist in die Knesset und war danach noch zionistischer als vorher. Ich glaube an die israelische Politik und an die Mehrheit der israelischen Politiker. Sie sind loyale und professionelle Menschen, jeder auf seine Art und Weise. Ich bin dann an den Fachbereich für Geschichte des jüdischen Volkes zurückgekehrt und wurde später Rektor und danach Kanzler der Hebräischen Universität Jerusalem.
 
 
»Der israelische Student ist ein Gesprächspartner, der deutsche
Student hört eher zu.«
 
 
Wie viele Studenten hat die Hochschule?
Etwa 24.000.
 
Vergleichen Sie das Gefühl, in Dahlem zu sein, mit dem Scopusberg in Jerusalem …
In Berlin gibt es keine Zäune und keine Sicherheitsüberprüfung am Eingang. Und es gibt große Unterschiede zwischen israelischen und deutschen Studenten – was das Alter angeht, aber auch die Reife. Der israelische Student ist älter und hat normalerweise drei Jahre Wehrdienst hinter sich. Und er gibt dem Dozenten keine Ruhe, er ist viel involvierter ins Lernen, er fragt immer wieder nach. Der israelische Student ist ein Gesprächspartner für seinen Lehrer, der deutsche Student hört eher zu.
 
Als Studentin an der Hebräischen Universität habe ich den Witz gehört: »Was ist der Unterschied zwischen israelischen und amerikanischen Studenten? Der Dozent sagt: ›Guten Morgen‹. Der Amerikaner antwortet: ›Guten Morgen‹, der Israeli schreibt ins Heft: ›Guten Morgen‹.«
Oj wawoj, da haben Sie wohl eine schlechte Klasse erwischt. Es ist vielmehr so: Wenn der Dozent »Guten Morgen« sagt, fragt der israelische Student: »Was, es ist schon Morgen? Nicht mehr Nacht?« Unsere Studenten sind sehr oppositionell, in positiver Hinsicht. Das bringt die Wissenschaft voran.
 
In Berlin haben Studenten mehr Zeit …
Ja, in Israel müssen fast alle Studenten arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das haben wir übrigens etwas geändert. Viele Studenten in M.A.-Programmen sowie Doktoranden bekommen heute volle Stipendien.
 
 
»Mein Wunsch ist gemeinsames Lernen von Israelis und Deutschen,
eine Begegnung der Hirne.«
 
 
Wie sollen sich die Beziehungen zwischen der Hebräischen Universität und deutschen Universitäten Ihrer Meinung nach weiterentwickeln?
Bei der Exzellenzinitiative der Bundesregierung hat Berlin sieben Exzellenzcluster eingeworben und jetzt eine weitere Initiative entwickelt, die Berlin University Alliance. Das macht es auch für uns einfacher, denn bisher hatten wir Hunderte von Projekten mit jeder einzelnen Hochschule, und jetzt können wir hoffentlich einen Teil gemeinsam machen. Es gibt sieben große Masterpläne für Berlin, und ich hoffe, dass auch wir uns einbringen können. Der Wettbewerb ist noch in vollem Gange. Die Förderentscheidungen trifft die Exzellenzkommission am 19. Juli 2019, und ich hoffe, die Berliner bekommen eine positive Antwort, denn es wurde hervorragende Arbeit geleistet, und wir haben einen kleinen Teil dieses Prozesses begleitet – durch unser Verbindungskomitee mit deutschen Universitäten.
 
Was ist Ihre Zukunftsvision?
Je länger deutsche Studenten sich in Israel aufhalten und israelische Studenten in Deutschland, umso besser. Aber sie sollen nicht nur den Ort wechseln, sondern dort auch Freunde und Kommilitonen haben, die mit ihnen zusammen lernen. Wer einen Master, ein Doktorat oder ein Postdoktorat macht, soll 20, 30 Freunde haben, die er trifft. Eine Begegnung der Hirne! Wir werden Patente entwickeln, die es vorher nicht gab, voneinander lernen und einen globalen Markt für Forschung und Wissen schaffen. Übrigens, die Freie Universität und die Hebräische Universität Jerusalem unterhalten auch einen virtuellen Campus: den German‐Israeli Virtual Campus (GIVCA). Mein Wunsch ist, dass wir eine Generation von Menschen erziehen, die zusammen im Klassenzimmer sitzen und lernen – ganz egal, wo es liegt.
 
Mit dem Professor für Geschichte des jüdischen Volkes und Kanzler der Hebräischen Universität sprach Ayala Goldmann.
 
Quelle: Jüdische Allgemeine vom 8. Juli 2019